Foto: Tim Patterson, Flickr

Drei Monate Texas

„Texas? Wieso Texas?“, fragte ich erstaunt. Ich befinde mich Mitte Oktober 2015 in einer mexikanischen Kneipe im Silicon Valley. Ein Gast hatte das Deutsch klingende Gespräch zwischen meinem Geschäftspartner und mir belauscht.

Wir wohnten in San Mateo an der Nordspitze des Valleys und hatten am frühen Abend beschlossen noch ein Bier in irgendeiner Bar ganz in der Nähe zu trinken. Ein Gast, der unser Gespräch belauschte, kam auf uns zu und fragte woher wir kommen. Irgendwie typisch. Hier in den USA – so finde ich zumindest – wird man freundlich und neugierig angesprochen, wenn man irgendwie auffällt. Fremd ist hier im Silicon Valley ohnehin jeder zweite. Hier in dieser Kneipe sind es vor allem Mexikaner. Die ganze Wohngegend ist voll mit Mexikanern. Vor jedem Haus steht ein Pickup mit Gärtnerutensilien auf der Ladefläche und jeder hier scheint in dieser Branche tätig zu sein.

Der Gast mit dem wir mittlerweile in tiefere Gespräche verfallen sind, ist kein Mexikaner. Er hat seine Wurzeln in Pakistan, ursprünglich von der Ostküste kommend, lebt er nun mit seiner Frau hier in der Bay Area seit acht Jahren. Er arbeitet in der IT Branche und erzählt uns, dass es ihm hier ganz gut gefalle aber er jetzt nach Austin ziehen werde.

„Austin?“, frage ich, „Wo ist Austin?“
„In Texas.“ Ich gucke ihn fragend an.

Wieso kommt jemand aus Kalifornien darauf, von hier weg und nach Texas zu ziehen. Texaner haben nicht nur in Europa einen überwiegend schlechten Ruf. Auch in den USA, vor allem aber an der Ostküste und in Kalifornien sind die „Rednecks“ bei vielen verrufen. Der Gast, dessen Name mir immer noch nicht einfällt, scheint aber diese Frage schon oft beantwortet zu haben.

„Austin ist anders! Austin ist nicht wie Texas!“, erläutert er.

„Keep Austin Weird“

Er erzählt von seinen mehreren Reisen dahin und voller Euphorie und schwärmerisch berichtet er von den überwiegend jungen Menschen, die dort leben, der High-Tech Branche, die sich dort mehr und mehr ansiedelt und der völlig liberalen Haltung der Einwohner und der Stadt. Ganz anders als das Texas rundherum, dessen Hauptstadt Austin heißt.

Ich war seit Monaten wieder zuhause, bevor mir dieses Gespräch wieder durch den Kopf ging. Also googelte ich nach Austin und was dabei herauskam überraschte mich.

Wikipedia gab mir folgende Einleitung zu lesen:

Austin ist die Hauptstadt und die viertgrößte Stadt des US-Bundesstaates Texas. Sie liegt am Colorado River und gilt für texanische Verhältnisse als ungewöhnlich liberal und alternativ. Der überall präsente Slogan „Keep Austin Weird“ (halte Austin eigenartig) gilt als besonders treffendes Motto für die studentisch geprägte Atmosphäre der Stadt. Zudem gilt Austin als die amerikanische Hauptstadt der Livemusik: In keiner anderen Stadt der USA findet sich eine vergleichbare Dichte an Musikclubs und Konzerten.

Als kostengünstige Alternative zum Silicon Valley, wenn man das Auswandern und das Ausbauen einer Niederlassung der eigenen Firma beabsichtigt, kann man so einen Standort in Betracht ziehen. Vor allem, wenn man bei Wikipedia unter „Wirtschaft und Infrastruktur“ weiterliest:

Große Arbeitgeber der Stadt sind Dell, Facebook, Google, AMD, Freescale Semiconductor (eine Ausgründung von Motorola), IBM, Wincor Nixdorf, Apple, National Instruments, Hewlett-Packard, Samsung und eBay. Wegen dieser Häufung wird Austin, in Anlehnung an das Silicon Valley und in Anspielung auf die hügelige Landschaft, Silicon Hills genannt. Zudem befinden sich viele Videospiel-Entwickler in näherer Umgebung wie zum Beispiel Electronic Arts und Blizzard Entertainment.Austin gilt als sehr junge und dynamische Stadt, die eine der größten Wachstumsraten der USA hat.

Das klingt doch sehr nach einer Stadt, die man mal besuchen sollte. Vor allem, wenn man jede Alternative zum immer teurer werdenden Silicon Valley dankend annehmen möchte. Im Vergleich zu San Francisco ist Austin überaus günstig. Mieten, Leben, Benzin, Lebensmittel – einfach alles ist viel günstiger als in der Bay Area.

 —

Keim im Kopf

Anfang 2016 besuchten wir Austin für eine Woche. Ich musste mir erst ein Bild machen. Der Bauch entscheidet ja mit, wenn man überlegt, eine Niederlassung in die USA zu pflanzen.

Foto: Dave Wilson, Flickr
Foto: Dave Wilson, Flickr

Die Stadt machte auf mich einen fast kleinstädtischen Eindruck. Trotz der imposanten Skyline und dem riesigen Capitol und der immerhin mehr als 850.000 Einwohner. Alles ist sehr lieblich angelegt, pikobello sauber: Jeder Park, fast jeder Bürgersteig. Gepflegte Vorgärten mit keinen Blumenbeeten.
Große Städte sind meist auch dreckig. Nicht in Japan. Aber hier?

Wir hatten direkt mal Ausschau nach einem so genannten Coworking Space gehalten. In einem solchen kann man sich einen Schreibtisch zum Arbeiten mieten. Alles was man sonst so benötigt, bietet so ein Space auch noch: Meeting Räume, Kopierer, Drucker, Fax, Internet, Küche. Wie in einer modernen Kommune hocken hier die digitalen Nomaden und gründen Ihr Startup oder gehen freiberuflicher Beschäftigung nach. Wunderbar zum Netzwerken. Ich habe da so meine Erfahrungen in Wohngemeinschaften gemacht. Man lernt schnell viele Leute kennen. Viel besser als ein Büro zu mieten, das sogar noch das Zigfache kosten dürfte.

Fazit: Austin ist wunderschön. Den Silicon Valley Spirit habe ich hier nicht so spüren können. Irgendwie alles noch ein bisschen bodenständiger als bei den Abgehobenen in San Francisco. Zumindest was das die Tech-Industrie anbelangt. Aber das kann auch gut sein. Jetzt habe ich den Keim im Kopf und ich beschließe für 3 Monate mal von hier aus zu arbeiten und Leute kennenzulernen.

Bin gespannt…

 

 

san_francisco-5850

SF Tagebuch #1

Also Leute – ich will mir ja nicht die Finger wund schreiben aber abhängig von einem Social Media Portal will ich auch nicht sein, also werde ich mal die Posts von Facebook hier hinein schieben. Ich teile meine FB Pinwand Posts mal in Kategorien auf und nenne diesen hier: SF Tagebuch (SF steht für San Francisco :) ).

Sausalito

26. Oktober 2013

Da ich gerade in einem Cafe mit WiFi sitze, kann ich ja schon mal weiter posten in meinem Tagebuch.  Wie zum Beispiel meinen ersten Eindruck von Sausalito, was am anderen Ende der Golden Gate Bridge gegenüber von San Francisco liegt. Zufällig habe ich mir zusammen mit Pascal vor kurzem diese Gegend per Google StreetView angesehen. Das sah ja schon mal ganz nett aus. Mein erster Eindruck aber ist absolut überwältigend. Hier zu leben kann ich mir wirklich gut vorstellen. 

Weiterlesen

IMG_1795

Halloween – irgendwie anders

Früher war vieles anders. Als ich Kind war, liefen wir an Rosenmontag von Tür zu Tür, um mit Tüten bewaffnet und durch Singen Süßigkeiten zu ergattern. Anderenorts machten die Kinder dies zu Sankt Martin.

Heute gibt es Halloween. Obwohl diese Tradition in Irland ihren Ursprung hat, schwappt diese Welle in den letzten Jahren immer mehr aus den USA zu uns rüber und verdrängt so langsam die alten Bräuche der heimischen Regionen. Halloween-Parties, auf denen viele gruselig verkleidete Menschen mit roter Schminke im Gesicht möglichst schrecklich aussehen möchten, liegen in Deutschland voll im Trend.

Weiterlesen

Vorgarten in Kalifornien

Der Spirit des Valley

Silicon Valley – allein der Name dieses Tals im US Bundesstaat Kalifornien hatte für mich schon immer etwas magisches. Das war so schon zu Zeiten, als ich noch die Schulbank drückte. Das ist lange her und etwas begann sich wie ein Virus in meinen Gedanken einzunisten. Nicht, dass ich mir damals vorgenommen hätte, irgendwann einmal auch dort zu sein. Dort, wo die großen Vorbilder die ersten PCs entwickelten.

Ende der Siebziger waren Computer nur etwas für große Unternehmen. Die Menschen, die diese ‚Mainframes‘ bedienten, waren noch Halbgötter in weiß. Tatsächlich gab es damals noch Abteilungen, in denen diese seltenen Fachleute in weißen Kitteln zwischen den kühlschrankgroßen Bandspeichern herumliefen – Krawatten waren zumindest bei IBM Pflicht. Dann aber entstanden hier Firmen wie Apple und Microsoft, die die Computerwelt revolutionierten. Sie nannten sich Hacker und begannen damit, die Welt teilweise barfüssig und mit langen Hippie-Frisuren zu verändern. Ich hatte meinen ersten Computer Anfang der Achtziger selbst zusammengelötet. Es war ein Nachbau des Apple 2e. Das Original war vielen zu teuer und so entstand dieser Clon. Man kaufte Hauptplatine und die einzelnen Bauelemente und bestückte und verlötete alles von Hand.

Apple Clon Space 81
Apple Clon Space 81

Das alles ist lange her. Seither werden dort nicht mehr vorwiegend Computer-Chips produziert, woher der Name „Silicon“ eigentlich stammt. Das chemische Element Silikon ist der Hauptbestandteil von Microchips. Nein, heute blüht das Tal wegen der tausenden Startups der Hightech Internet- und Software-Branche, die hier ihr Glück und vor allem ihre Investoren suchen. Aus der ganzen Welt kommen Sie genau hierher: An die Geburtsstätte der Firmen mit den großen Namen wie Google, Facebook und Co.

Man trift die ‘Großen’ auch in Bars, Cafés und auf Netzwerktreffen.

Aber nicht nur potentielle Investoren kann man hier an jeder Ecke finden. Man trifft eben auch potentielle Mitarbeiter genauso wie die bekannten oder auch unbekannten Namen derjenigen, die gerade Ihren Exit gemacht haben und mit dreistelligen Millionenbeträgen dafür entlohnt wurden. Man trifft sie direkt neben den auch in Kalifornien zuhauf gescheiterten Existenzen. Hier tummelt sich die Weltelite der Startups, das Who is Who der Internet- und Computerszene. Karsten Wysk, Gründer und CEO von MobileBits sagt dazu: „Es ist im Silicon Valley leicht, mit wichtigen Menschen in Kontakt zu kommen: Anders als in Deutschland trifft man die ‘Großen’ auch in Bars, Cafés und auf Netzwerktreffen.“ Und diese Treffen finden hier jeden Tag statt. In Deutschland wartet man lange, bis ein wichtiges Szenen-Event in der Nähe oder überhaupt in Deutschland  stattfindet. Hier in der ‚Bay Area‘, wie man diese Gegend hier in den USA eher nennt,  liegen Flyer in den Cafés aus, die auf die täglich stattfindenden Treffen, Events und Startup-Pitches hinweisen. Vielleicht ist es das, was diese Bay Area ausmacht. Bewegt man sich in der richtigen Gegend in San Francisco, Palo Alto, Cupertino oder Mountain View und kehrt in ein Cafe ein, dann glaubt man sich auf einem Uni-Campus wieder zu finden. Und das sehen auch die großen Vorbilder so: Google nennt sein Firmengelände auch „Campus“. Das kommt nicht von ungefähr.

Berlin ist das Silicon Valley Deutschlands

Aber natürlich ist nicht alles Gold was glänzt. Natürlich gehen die großen Exits mit einem weltweiten Medienecho daher, während die Unbekannten still und heimlich scheitern. Es ist wie zu Zeiten der Goldgräber hier in Kalifornien. Die wenigen, die es geschafft hatten und reich wurden, ziehen die vielen an, die mitunter auch scheitern. Trotzdem ist es hier anders als anderswo auf unserem Planeten. Hier sind Dinge möglich, die man sich an anderen Orten nur schwer vorstellen kann. „Berlin kommt!“, hört man in der Gründerszene und wenn man sieht, was in Puncto Startups in dieser Hauptstadt los ist, dann kann man das bestätigen. Aber noch ist die Bay Area das Mekka dieser Branche. Die Investoren sind ein paar Nummern größer und die Tickets eben auch.  Alles, die schier riesige Anzahl an Startups, die Investitionssummen und die  Summen, die für Übernahmen ausgegeben werden sind mindestens immer 10 bis 15 mal größer als in Deutschland. Hier, südlich von San Francisco werden schon mal 19 Milliarden Dollar für ein Unternehmen ausgegeben, das seit Bestehen nicht einen einzigen Dollar Gewinn erzielt hat. In Deutschland  undenkbar.

Als ich mal einen Redakteur der Zeitschrift t3n in San Francisco traf, fragte dieser mich, warum ich dort sei. Ich fing an zu erklären, dass ich noch gar kein so konkretes Ziel habe, ich aber unbedingt…
„Die Luft schmecken, den Spirit spüren!, unterbrach er mich. Er wusste sofort, was ich meinte, ohne dass ich es aussprach. Es ist eben etwas anderes, ob man ein „Formel 1″ Rennen im Fernsehen verfolgt oder ob man durch die Boxengasse  schlendert und die Motoren hört oder Benzin riechen kann.

to be continued…